
„Kritik in der Öffentlichkeit vermeiden“: Die erstaunliche Premier-Padel-Regel
- vor 10 Stunden
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Das Premier-Padel-Reglement 2026 enthält eine Bestimmung, bei der es sich lohnt, genauer hinzusehen. Sie betrifft weder Preisgeld noch Ranking noch den Matchablauf, sondern ein deutlich heikleres Thema: das öffentliche Wort der Spielerinnen und Spieler.
Wer die offiziellen Regelwerke für Herren und Damen durchgeht, findet mehrere Klauseln, die präzise regeln, was ein Spieler öffentlich über ein Turnier, die FIP, Premier Padel, Sponsoren oder Schiedsrichter sagen darf. Eine davon trägt sogar eine besonders unmissverständliche Überschrift: „Avoid criticism in public or in the media“ – „Kritik in der Öffentlichkeit oder in den Medien vermeiden“.
Wer gegen die Pflichten dieses Abschnitts verstößt, riskiert eine Geldstrafe von bis zu 10.000 Euro – oder sogar eine Sperre für die Tour. Eine Lektüre, die eine besondere Dimension bekommt, wenn man sich an die Krise des Jahres 2025 erinnert, in der mehrere Spieler Premier Padel und die FIP öffentlich und teils sehr hart kritisiert hatten.
Ein Abschnitt namens „No Denigration“
Erster bemerkenswerter Punkt: Das Premier-Padel-Reglement enthält einen Abschnitt 1.4.10 mit dem Titel „No Denigration“ – also Nicht-Herabwürdigung. Er regelt Aussagen und Handlungen von Spielern, die dem Ruf, dem öffentlichen Bild oder dem „guten Namen“ von Premier Padel, der FIP, der Tour sowie verschiedener mit ihnen verbundener Akteure schaden könnten.
Die Formulierung geht ziemlich weit: Erfasst werden auch Aussagen, die „constitute criticism of the Tour or any service or product“ – also eine Kritik an der Tour oder an irgendeinem Service oder Produkt der betroffenen Personen und Organisationen darstellen. Dieselbe Bestimmung findet sich im Damen-Reglement. Es handelt sich also nicht um eine Besonderheit der Herrentour.
„Kritik in der Öffentlichkeit oder in den Medien vermeiden“
Richtig interessant wird der Text aber im Verhaltenskodex, in Abschnitt 10.1.11 zu unehrenhaftem oder unprofessionellem Verhalten. Ein Unterpunkt trägt dort wörtlich die Überschrift „Avoid criticism in public or in the media“.
Der folgende Satz ist noch deutlicher: „A player shall not direct criticism to a Tournament, sponsor, player, referee, the FIP to the media or the public.“ – Ein Spieler darf gegenüber Medien oder Öffentlichkeit keine Kritik an einem Turnier, einem Sponsor, einem Spieler, einem Schiedsrichter oder der FIP äußern.
Anschließend nennt das Reglement den vorgesehenen Kanal: „All such complaints must be submitted to the Supervisor.“ – Alle derartigen Beschwerden sind beim Supervisor einzureichen. Auch diese Bestimmung existiert im Damen-Reglement.
Eine Präzisierung ist nötig: In genau diesem Satz wird Premier Padel nicht direkt genannt. Aufgeführt sind das Turnier, die Sponsoren, die Spieler, die Schiedsrichter und die FIP. Premier Padel taucht dafür in anderen Bestimmungen desselben Abschnitts ausdrücklich auf.
Premier Padel ist wenige Zeilen höher ausdrücklich geschützt
Der Verhaltenskodex sieht vor, dass ein Spieler diese Pflichten „at all times“ – also jederzeit – einzuhalten hat und insbesondere während eines Turniers oder Events, für das seine Meldung angenommen wurde, jedes Verhalten unterlassen muss, das der Tour, Premier Padel oder der FIP schadet. Das Reglement ergänzt: „whether in the venue or not“ – unabhängig davon, ob er sich auf dem Turniergelände befindet oder nicht.
Öffentliche Kommentare sind ausdrücklich erfasst. Der Text zielt auf öffentliche Äußerungen, die eine Person, ein Premier-Padel-Turnier, die Tour, Premier Padel selbst, einen Sponsor, einen Spieler, einen Schiedsrichter, FIP-Personal oder die FIP in einer als unangemessen bewerteten Weise angreifen oder herabsetzen. Verboten sind auch öffentliche Kommentare, von denen der Spieler weiß oder vernünftigerweise wissen müsste, dass sie dem Ruf oder den finanziellen Interessen der Beteiligten schaden. Der Anwendungsbereich ist damit relativ breit und reicht über die Pressekonferenz am Turnierort deutlich hinaus.
Bis zu 10.000 Euro Strafe und eine mögliche Sperre
Diese Pflichten sind keine bloßen Kommunikationsempfehlungen. Das Reglement stellt klar, dass ein Verstoß gegen die genannten Punkte eine Verletzung des Verhaltenskodex darstellt. Zu den vorgesehenen Sanktionen zählen eine Geldstrafe von bis zu 10.000 Euro sowie eine Sperre für die Teilnahme an der Tour, deren Dauer das Sports Discipline Committee festlegt. Dasselbe gilt im Damen-Reglement.
Wichtig ist dabei, nicht weiter zu gehen als der Text selbst: Das bedeutet nicht, dass jede beliebige Kritik automatisch 10.000 Euro Strafe oder eine Sperre nach sich zieht. Es handelt sich um Sanktionen, die verhängt werden können, wenn ein Verstoß gegen diesen Abschnitt festgestellt wird.
2025 kritisierten die Spieler die Tour trotzdem offen
Genau hier wird die Lektüre des Reglements spannend. Denn die jüngere Geschichte von Premier Padel zeigt, dass die Spieler ihre Meinungsverschiedenheiten keineswegs immer in den Büros des Supervisors gelassen haben.
Anfang 2025 durchlebte die Tour eine der größten Krisen ihrer noch jungen Geschichte. Im Zentrum standen die Änderungen an den Tableaus und, weiter gefasst, das Verhältnis zwischen Premier Padel, der FIP und einem Teil der Herrenspieler. Die P2-Turniere in Gijón und Cancún wurden zu Symbolen dieses Kräftemessens – und mehrere Spieler ergriffen öffentlich das Wort.
Zu den deutlichsten Stellungnahmen zählte die von Gonzalo Rubio. Ende Februar 2025 griff Padel Magazine seine sehr kritischen Aussagen unter der Überschrift „Hört auf, uns zu drohen, man hat uns belogen“ auf. Rubio kritisierte darin den Umgang mit dem Konflikt und erklärte, gegenüber den Spielern eingegangene Zusagen seien nicht eingehalten worden.
Auch Pablo Lijó schlug einen scharfen Ton an. Im Februar 2025 veröffentlichte der Spanier eine lange Botschaft in den sozialen Netzwerken, in der er die Lage bei Premier Padel mit den früheren Erfahrungen beim World Padel Tour verglich: „Wir haben ein Unternehmen verlassen, das uns bedroht und nicht auf uns gesetzt hat, um uns mit einem anderen zusammenzutun, das genau dasselbe macht.“ Parallel kündigte Lijó an, weder in Gijón noch in Cancún anzutreten.
Der Protest erreichte auch die französischen Spieler. Am 3. März 2025 veröffentlichte Padel Magazine ein Interview mit Thomas Leygue unter dem Titel „Thomas Leygue enthüllt die Hintergründe der Krise und die ‚Erpressung‘ von Premier Padel / FIP“. Der Franzose schilderte darin seine Sicht auf den Konflikt und den Druck, den die Spieler im Kräftemessen mit den Verbänden verspürten.
Diese Äußerungen zeigen vor allem eines: Der Protest von 2025 fand nicht nur in internen Sitzungen zwischen Spielervereinigungen, Premier Padel und FIP statt, sondern ebenso in den Medien und in den sozialen Netzwerken.
Premier Padel räumt die öffentliche Kritik selbst ein
Diese Feststellung beruht nicht allein auf dem Wort der Spieler. Im März 2025 veröffentlichten Premier Padel und die FIP nach mehreren Treffen mit den Spielervertretern eine offizielle Mitteilung zu den Veränderungen auf der Tour. Darin ist ausdrücklich von „repeated, public and officially-communicated“ – also wiederholten, öffentlichen und offiziell kommunizierten – Kritikpunkten der Herrenspieler unter anderem an der Tableau-Größe die Rede.
Premier Padel kündigte daraufhin die Rückkehr zu den 2024er-Formaten für die Herren-Tableaus der P1- und P2-Turniere ab dem Santiago P1 an. In derselben Mitteilung bezog die Organisation allerdings sehr klar Position gegen das, was sie als illegalen Boykott einzelner Turniere bezeichnete, und kündigte rechtliche Schritte sowie eine Befassung der FIP mit möglichen Disziplinarverfahren an.
Beide Themen sind sauber zu trennen. Nichts in dieser Mitteilung erlaubt die Aussage, die Verfahren hätten sich gegen Spieler gerichtet, weil diese Premier Padel öffentlich kritisiert hatten. Die angekündigten Schritte bezogen sich auf den Boykott und auf mutmaßliche Verstöße gegen vertragliche Pflichten.
Wurden Rubio, Lijó oder Leygue für ihre Kritik sanktioniert?
Das ist die entscheidende Frage – und hier ist äußerste Vorsicht geboten. Es liegen keine offiziellen Belege dafür vor, dass Gonzalo Rubio, Pablo Lijó, Thomas Leygue oder ein anderer Spieler speziell auf Grundlage der „No Denigration“-Klausel oder des Absatzes „Avoid criticism in public or in the media“ für diese Äußerungen sanktioniert worden wäre.
Es wäre also falsch, etwaige Verfahren rund um den Konflikt von 2025 als Strafen dafür darzustellen, dass Spieler öffentlich gesprochen haben. Belegbar ist trotzdem etwas Bemerkenswertes: Die Spieler haben die Verbände öffentlich kritisiert, Premier Padel hat die Existenz wiederholter öffentlicher Kritik offiziell anerkannt – und das eigene Reglement reguliert zugleich bestimmte Formen öffentlicher Kritik.
Und im Tennis? Die ATP schützt den „legitimen Widerspruch“ ausdrücklich
Der Vergleich mit dem Profitennis liefert zusätzlichen Aufschluss. Auch das ATP-Rulebook 2026 enthält Bestimmungen zu öffentlichen Kommentaren, die der Tour, den Turnieren oder ihren Akteuren schaden könnten. Das ATP-Reglement setzt allerdings eine besonders wichtige Präzisierung: „Responsible expressions of legitimate disagreement with ATP policies that are truthful, complete, and made in good faith are not prohibited.“
Auf Deutsch: Verantwortungsvolle Äußerungen eines legitimen Widerspruchs gegen ATP-Regelungen sind nicht verboten, sofern sie wahrheitsgemäß, vollständig und in gutem Glauben erfolgen. Damit unterscheidet das ATP-Reglement ausdrücklich zwischen sanktionierbaren Äußerungen und dem verantwortungsvollen Ausdruck legitimer Kritik.
In den entsprechenden Passagen des Premier-Padel-Reglements 2026 findet sich keine derart explizit formulierte Ausnahme, die öffentlich und in gutem Glauben geäußerten legitimen Widerspruch schützt. Daraus lässt sich natürlich nicht folgern, bei der ATP sei jede Kritik erlaubt und bei Premier Padel jede verboten. Der Unterschied in der Formulierung verdient aber Aufmerksamkeit.
Rechtlich unabhängige Spieler
Ein letzter Punkt macht das Thema noch interessanter. Das Premier-Padel-Reglement definiert die Beziehung zwischen Spielern und Tour selbst als rein kommerzielle und sportliche Beziehung. Die Spieler gelten als unabhängige Parteien, und der Text stellt fest, dass zwischen ihnen und Premier Padel, der FIP oder der Tour „no employment relationship“ – kein Arbeitsverhältnis – besteht.
Das heißt natürlich nicht, dass die Beschränkungen des Verhaltenskodex deshalb rechtlich unwirksam wären. Ein unabhängiger Sportler kann vertragliche und regulatorische Pflichten akzeptieren, um an einem Wettbewerb teilzunehmen. Die Gegenüberstellung bleibt aber bemerkenswert: Die Spieler sind rechtlich als unabhängig definiert und unterliegen zugleich einem sehr genauen Rahmen für ihre öffentliche Meinungsäußerung, solange sie auf der Tour antreten.
Darf ein Spieler Premier Padel also kritisieren?
Zu sagen, „Premier Padel verbietet jede Kritik“, ginge weiter als das, was das Reglement hergibt. Mehrere Punkte stehen aber schwarz auf weiß: Es gibt eine Klausel „No Denigration“. Es gibt Regeln für öffentliche Kommentare, die Premier Padel, der Tour oder der FIP schaden könnten. Und der Verhaltenskodex enthält eine Bestimmung mit dem Titel „Avoid criticism in public or in the media“, die verlangt, bestimmte Beschwerden an den Supervisor statt an Medien oder Öffentlichkeit zu richten – mit Sanktionen bis zu 10.000 Euro Strafe und einer Sperre für die Tour.
Der Kontrast zur Krise von 2025 ist frappierend. Damals machten Rubio, Lijó, Leygue und weitere Spieler ihren Unmut öffentlich, und Premier Padel selbst räumte offiziell wiederholte, öffentliche Kritik der Herrenspieler ein. Zuletzt prangerte im Mai Sofia Saiz die Grenzen des Premier-Padel-Systems an.
Ein Jahr später wirft die Lektüre des Reglements damit eine einfache, aber alles andere als belanglose Frage auf: Wo endet der legitime Widerspruch eines Profispielers – und wo beginnt die Kritik, die zum Disziplinarverstoß werden kann?
Quelle: Le Padel Magazine (padelmagazine.fr): Originalartikel




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